Außer Betrieb!

Mit diesen Knigge-Tipps wird die jährliche Weihnachtsfeier ganz sicher nicht zum Karriereknick

Wenn die Buchhalter nichts mehr auf den Stühlen hält, der Abteilungsleiter die Karaoke-Hitparade anführt und die Sekretärin zu fortgeschrittener Stunde unter dem Sekretär liegt, dann, ja dann ist wieder Weihnachtsfeier. Eine heitere Sause, die Jahr für Jahr die beste

Gelegenheit bietet, sich vor versammelter Mannschaft so richtig schön zum Kasper zu machen. Da die Kollegen das Geschehen mit schärferem Blick beobachten als jede Schwiegermutter die Gattin des Sohnes, sollte man die wichtigsten Verhaltensregeln kennen. Denn Fernbleiben geht gar nicht: „Weihnachtsfeiern sind ein Muss! Wer sich weigert, wirkt nur desinteressiert und unhöflich“, sagt Carolin Lüdemann, Mitglied des Deutschen Knigge-Rats.

Die tragende Rolle der richtigen Kleidung oder die Frage: Was soll ich bloß anziehen?

Auch wenn viele Frauen einen Hang zu funkelnden Dingen haben: Sie selbst sollten auf keinen Fall mehr glitzern als der festlich geschmückte Weihnachtsbaum. Auch blitzen sollte es nicht: Zu kurze Röcke und zu tiefe Dekolletés fallen eher negativ auf, und wenn man Pech hat, fällt einem auch noch irgendein Kollege mitten in den Ausschnitt. Anschließend fallen dann wahrscheinlich beide – und zwar die Karriereleiter hinunter. Für Männer gilt: Finger weg von Weihnachtsmannmotiv-Krawatten, blinkenden Zipfelmützchen oder Rentier-Geweihen – die sind nicht lustig. Und wer plötzlich flippige Neon-Hemden oder ausgebeulte Jeans trägt, zeigt damit nicht etwa den jungen Auszubildenden, wie cool und hip er wirklich ist, sondern nur, dass er keine Ahnung hat. Die Weihnachtsfeier ist nämlich Arbeitszeit, und da gilt der normale Business-Dresscode: „Man kann Blazer oder Sakko ablegen, wenn der Chef es auch tut“, so Lüdemann. Merke: „Je weniger Haut, desto mehr Autorität.“

Der gesittete Umgang mit Speis und Trank oder die Frage: Wie viel Liter darf ich trinken?

Warum sollte man nur bei Tageslicht in der Kantine Wert auf Manieren legen? Die allgemeinen Tischsitten gelten immerhin auch nach 18 Uhr – das heißt: Man stürmt das Buffet nicht, bevor der Chef seine Rede beendet hat, und hamstert sich dann den Teller nicht bis zum Rand voll, als ob man den ganzen Tag gehungert hätte. Lieber mehrfach gehen. Und: Auf dem Schreibtisch mag Unordnung in Ordnung sein, aber auf em Teller werden Vor- und Nachspeise bitte nicht gemischt. Kollege voll, Flasche leer? Kommt auf solchen Feiern öfter vor, aber man muss ja nicht alles mitmachen. Natürlich darf Alkohol getrunken werden – es ist jedoch ratsam, damit aufzuhören, bevor man in Unterhose die Polonaise anführt. Wer bis zum völligen Kontrollverlust trinkt, wird vom Chef schnell aussortiert.

Der korrekte Sicherheitsabstand zu den Kollegen oder die Frage: Wie intim darf’s sein im Team?

Weihnachtsfeiern sind gut geeignet, um neue Kontakte zu knüpfen, und so empfiehlt Lüdemann: „Suchen Sie Gespräche mit neuen Kollegen oder anderen Abteilungen. Eine Chance, die sich im normalen Büroalltag oft nicht ergibt.“ Man muss ja nicht gleich in den Nahkampf gehen. Wer der Kollegin auf den Hintern klopft, treibt es eindeutig zu doll. Das gilt ebenso für joviales Schulterklopfen beim Chef – sonst klopft der am nächsten Tag vielleicht bei Ihnen an, und zwar mit ganz viel Arbeit. Ein bisschen Schunkeln ist okay, (Wangen-)Küsse sind es nicht. Wir sind ja nicht beim Karneval. Auch erotische Tanzeinlagen vermitteln nicht unbedingt Seriosität, damit rutscht man auf dem glatten Parkett leicht aus. Sollte es zwischen all den Kerzen doch zwei entflammte Herzen geben, verlassen sie besser die Party und feiern woanders weiter – öffentliches Kollegen-Kuscheln ist brandgefährlich.

Das Suchen und Finden der richtigen Worte oder die Frage: Worüber sollen wir reden?

Das schreckliche Wetter, die Glaubensfrage Lametta oder die Neue von Boris Becker – es gibt unendlich viele Small-Talk-Themen, da muss man nicht ausgerechnet über die Firma reden, schon gar nicht über so sensible Themen wie eine Gehaltserhöhung oder eine Beförderung. An eventuelle Zusagen kann sich am nächsten Morgen sowieso niemand mehr erinnern. Noch schlimmer ist es, wenn man laut lallend Kritik am Chef, am Vorstand oder an der allgemeinen Hauspolitik vorträgt. Da kann man eigentlich gleich nach Hause gehen (und vermutlich auch da bleiben). Ebenso sind allzu private Details fehl am Platz – wenn’s in der Ehe kriselt oder der Hund Durchfall hat, erzählen Sie das lieber Ihrem Friseur.

Die unverfänglichste Anrede oder die Frage: Wie schnell darf das Sie zum Du werden?

Es passiert doch alle Jahre wieder, dass der Chef in weinseliger Laune allzu leichtfertig das Du anbietet. Das sollte man grundsätzlich als  befristetes Angebot verstehen und am nächsten Morgen „den Manni“ vorsichtshalber wieder mit „Dr. Müller“ anreden. „Verwendet der Chef dann das Du, bleibt es dabei. Benutzt er dagegen wieder das altbewährte Sie, muss man bis zur nächsten Weihnachtsfeier warten und geht kommentarlos ebenso zum Sie über“, sagt die Expertin. Wer von sich aus dem Vorgesetzten das Du anbietet, muss sich übrigens nicht wundern, wenn der verdutzt guckt. Im geschäftlichen Bereich bietet ausschließlich der Ranghöhere das Du an.

Der ernüchternde Tag danach oder die Frage: Wie bewahre ich Haltung im Büro?

Ganz egal, ob man einen dicken Schädel hat, beim heimlichen Knutschen erwischt worden ist oder schlicht gar nicht mehr weiß, wo man eigentlich am Vorabend war: Auf jeden Fall muss man ins Büro gehen, am besten korrekt gekleidet und hoch erhobenen Hauptes! Mit etwas Glück hat jemand trotz aller Knigge-Regeln noch mehr getrunken, noch ausgelassener getanzt und ist darum noch beliebteres Gesprächsthema als man selbst.

Melanie Schirmann
HÖRZU Ausgabe 50/2008

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